Junge Beschäftigte suchen Orientierung statt Zusatzleistungen

Ein Jobticket kann attraktiv sein. Es entscheidet jedoch selten darüber, ob junge Menschen einem Unternehmen Vertrauen schenken und dort bleiben. Das DGUV Barometer Bildungswelt 2026 zeigt deutlich, worauf es Auszubildenden im Arbeitsalltag ankommt. Sicherheit, Wertschätzung, Entwicklungsmöglichkeiten und gute Zusammenarbeit bilden für sie die Grundlage eines guten Arbeitsplatzes.

Für mittelständische Unternehmen liegt darin eine wichtige Erkenntnis für die Mitarbeiterbindung. Junge Menschen vergleichen Arbeitgeber nicht allein nach dem Gehalt oder nach einzelnen Zusatzleistungen. Sie prüfen, wie ernst ein Unternehmen seine Verantwortung nimmt und ob Führung im Alltag Orientierung gibt. Genau dort entscheidet sich, ob aus einem Ausbildungsplatz eine berufliche Perspektive wird.

Was junge Menschen von ihrem Arbeitsumfeld erwarten

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung hat für das DGUV Barometer Bildungswelt 2026 insgesamt 710 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 26 Jahren befragen lassen. Die Gruppe umfasste 353 Auszubildende und 357 Studierende. Die Ergebnisse zeigen, dass Auszubildende Sicherheit und Gesundheit bereits vergleichsweise konkret mit ihrem beruflichen Alltag verbinden.

91 Prozent der Auszubildenden geben an, dass Sicherheit und Gesundheit in ihrer Ausbildung vermittelt wurden. 72 Prozent fühlen sich gut oder sehr gut darauf vorbereitet, später sicher und gesund zu arbeiten. In der Ausbildung sind diese Themen meist mit festen Lernorten, Zuständigkeiten und Abläufen verbunden. Das schafft Orientierung, weil junge Beschäftigte erkennen können, an wen sie sich wenden und wie sie Risiken melden.

Besonders deutlich fällt die Bedeutung des sozialen Umfelds aus. 98 Prozent der Auszubildenden bewerten respektvollen Umgang und Wertschätzung als wichtig oder sehr wichtig. 96 Prozent halten die Möglichkeit, Neues zu lernen und sich weiterzuentwickeln, für wichtig oder sehr wichtig. Jeweils 60 Prozent nennen einen sicheren Ausbildungsplatz und gute Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen als sehr wichtig. Gute Anleitung und Unterstützung durch Ausbilderinnen und Ausbilder erreichen 59 Prozent in dieser höchsten Bewertungsstufe.

Das Bild ist klar. Zusatzleistungen wie ein Jobticket, Prämien oder Zuschüsse können ein Angebot ergänzen. Sie ersetzen keine verlässliche Führung und keine Arbeitsumgebung, in der junge Menschen ernst genommen werden. Die DGUV fasst damit einen Zusammenhang auf, der für Unternehmen wirtschaftlich relevant ist. Bindung entsteht dort, wo Beschäftigte ihre Arbeit als sicher, sinnvoll und entwicklungsfähig erleben.

Wertschätzung zeigt sich in Entscheidungen

Wertschätzung wird häufig mit freundlichem Umgang gleichgesetzt. Für junge Beschäftigte reicht das nicht aus. Sie erkennen Wertschätzung vor allem daran, wie Informationen weitergegeben werden, wie Fragen aufgenommen werden und ob Führungskräfte Verantwortung übernehmen. Ein respektvoller Satz im Gespräch verliert an Wirkung, wenn Entscheidungen unklar bleiben oder Probleme über längere Zeit liegen bleiben.

Sicherheit macht diesen Zusammenhang besonders sichtbar. Die DGUV berichtet, dass 81 Prozent der Auszubildenden Sicherheit und Gesundheit in ihrer Ausbildung grundsätzlich einen hohen Stellenwert zuschreiben. 89 Prozent sagen, sie hätten alle Informationen, um ihre Aufgaben gut und sicher auszuführen. 82 Prozent erleben, dass gefährliche oder gesundheitsgefährdende Situationen ernst genommen und bearbeitet werden.

Hinter diesen Zahlen stehen Führungsentscheidungen. Eine sichere Arbeitsumgebung entsteht, weil Zuständigkeiten geklärt, Abläufe erklärt und Rückmeldungen aufgenommen werden. Führungskräfte prägen dabei nicht nur die Einhaltung von Regeln. Sie legen durch ihr Verhalten fest, ob Beschäftigte Risiken ansprechen, Fehler melden und Unterstützung anfordern. Wer bei einem Problem zuerst nach der verantwortlichen Person sucht, erzeugt Zurückhaltung. Wer Ursachen prüft und Entscheidungen transparent macht, stärkt die Handlungssicherheit.

Das wirkt auch auf die Zusammenarbeit. Junge Beschäftigte lernen ihren Beruf in einem sozialen System. Sie beobachten, wie erfahrene Kolleginnen und Kollegen miteinander umgehen, wie Abteilungen Informationen teilen und wie die Leitung auf Konflikte reagiert. Die offizielle Botschaft eines Unternehmens steht dabei neben einer zweiten Botschaft, die im Alltag sichtbar wird. Sie lautet entweder, dass Zusammenarbeit ernst genommen wird, oder dass jeder Bereich vor allem für sich arbeitet.

Gute Anleitung ist deshalb mehr als die Weitergabe von Fachwissen. Sie gibt jungen Menschen einen Rahmen, in dem sie zunehmend selbstständig handeln können. Dazu gehören klare Erwartungen, erreichbare Ansprechpartner und Rückmeldungen zu Entscheidungen. Eine Führungskraft, die nur eingreift, wenn etwas schiefgeht, überlässt Lernende der Unsicherheit. Eine Führungskraft, die den Arbeitsprozess regelmäßig bespricht, entwickelt Verantwortung Schritt für Schritt.

Ausbildung bindet, wenn Verantwortung im Alltag ankommt

Die Werte aus der Befragung lassen sich nicht durch eine einzelne Schulung erzeugen. Ein Einführungstag kann Regeln erklären. Er verändert jedoch noch keine Gewohnheiten. Bindung entsteht in den Wochen und Monaten danach, wenn junge Beschäftigte erleben, dass Aussagen auch unter Zeitdruck gelten.

Gerade mittelständische Unternehmen stehen hier vor einer anspruchsvollen Aufgabe. Die Geschäftsführung kennt viele Abläufe persönlich und kann Probleme oft schnell lösen. Diese Nähe ist ein Vorteil. Sie kann jedoch dazu führen, dass Entscheidungen informell bleiben und Wissen an einzelne Personen gebunden ist. Für Auszubildende und junge Fachkräfte entsteht dann ein widersprüchliches Bild. Sie spüren, dass vieles funktioniert, erkennen aber nicht, nach welchen Regeln Entscheidungen getroffen werden.

Führung schafft Verlässlichkeit, indem sie Erwartungen sichtbar macht. Dazu gehören ein klarer Umgang mit Risiken, feste Gesprächsanlässe und eine eindeutige Zuständigkeit für Fragen. Ebenso wichtig ist die Reaktion auf Rückmeldungen. Eine Meldung, die folgenlos bleibt, lehrt Beschäftigte, dass Offenheit wenig bringt. Eine Rückmeldung, die geprüft und beantwortet wird, stärkt die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Diese Logik gilt auch für Konflikte und respektloses Verhalten. Das DGUV Barometer weist bei Auszubildenden auf relevante Erfahrungen mit verbaler Aggression, Diskriminierung, Mobbing und sexueller Belästigung hin. Solche Erlebnisse wirken auf das Sicherheitsgefühl und auf die Bindung an den Arbeitgeber. Ein Unternehmen kann fachlich gute Ausbildungsbedingungen bieten und trotzdem Vertrauen verlieren, wenn Übergriffe bagatellisiert oder Zuständigkeiten verschoben werden.

Führungskräfte geben in solchen Situationen den Maßstab vor. Ihre Aufgabe liegt darin, Vorfälle ernst zu nehmen, Gespräche zu strukturieren und Regeln für den Umgang miteinander durchzusetzen. Das erfordert Klarheit und Beharrlichkeit. Eine Kultur der Wertschätzung zeigt sich besonders dort, wo ein Thema unbequem wird. Beschäftigte beobachten, ob die Leitung auch dann Verantwortung übernimmt, wenn ein Konflikt Beziehungen belastet oder kurzfristig Aufwand erzeugt.

Für die Mitarbeiterbindung ist außerdem entscheidend, ob Entwicklung im Unternehmen erkennbar bleibt. 96 Prozent der befragten Auszubildenden bewerten die Möglichkeit, Neues zu lernen und sich weiterzuentwickeln, als wichtig oder sehr wichtig. Diese Erwartung richtet sich nicht nur auf formale Weiterbildungen. Sie umfasst auch anspruchsvollere Aufgaben, konstruktive Rückmeldungen und die Chance, eigene Entscheidungen zu treffen.

Damit Entwicklung gelingt, braucht es eine Führung, die Leistung und Lernprozess miteinander verbindet. Junge Beschäftigte dürfen Verantwortung übernehmen, ohne mit jeder Unsicherheit allein zu bleiben. Erfahrene Mitarbeitende geben Wissen weiter, ohne jede Entscheidung an sich zu ziehen. Die Geschäftsführung schafft die Bedingungen dafür, indem sie Führungskräfte für diese Rolle qualifiziert und die Zusammenarbeit zwischen den Generationen aktiv gestaltet.

Die Umsetzung scheitert dabei selten am fehlenden Wissen. Viele Unternehmen wissen, dass Respekt, Sicherheit und Entwicklung wichtig sind. Schwieriger ist es, diese Ansprüche in konkrete Routinen zu übersetzen. Dazu gehören kurze Auswertungsgespräche nach besonderen Situationen, verbindliche Ansprechpartner und die Bereitschaft, Entscheidungen zu erklären. Erst durch wiederholtes Verhalten entsteht für junge Menschen ein verlässliches Bild vom Arbeitgeber.

Die nächste Generation prüft die Glaubwürdigkeit

Junge Beschäftigte bringen andere Erwartungen in Unternehmen ein, als viele Führungskräfte sie aus ihrer eigenen Berufslaufbahn kennen. Das bedeutet keine Abkehr von Leistung oder Verantwortung. Es bedeutet eine höhere Aufmerksamkeit für die Bedingungen, unter denen Leistung möglich wird. Wer sich sicher fühlt, Rückmeldung erhält und Entwicklung erkennt, kann Verantwortung eher übernehmen und länger im Unternehmen bleiben.

Für inhabergeführte Mittelständler ist das eng mit der Zukunftssicherung verbunden. Die nächste Generation im Unternehmen entscheidet sich nicht allein für eine Branche oder einen Arbeitsplatz. Sie entscheidet sich für eine Art der Zusammenarbeit. Eine Organisation, in der Führungskräfte nicht entscheiden, Probleme weiterreichen oder Informationen zurückhalten, verliert an Attraktivität. Die Ursache liegt dabei in den Entscheidungswegen und in der Führungsarbeit, nicht in einer vermeintlich anspruchsvollen jungen Generation.

Die Ergebnisse des DGUV Barometers laden deshalb zu einer Prüfung des eigenen Alltags ein. Wie erfahren junge Beschäftigte, dass ihre Fragen willkommen sind? Wie schnell werden Risiken und Konflikte bearbeitet? Welche Entwicklungsmöglichkeiten sind tatsächlich sichtbar? Und welche Erwartungen werden durch das Verhalten der Führungskräfte vermittelt?

Die Antworten zeigen, ob ein Unternehmen Wertschätzung als Leitbild führt oder als Alltagspraxis. Ein Workshop kann dafür einen Anfang schaffen. Wirkung entsteht erst, wenn Geschäftsführung, Führungskräfte und Beschäftigte neue Gewohnheiten gemeinsam über längere Zeit einüben. JS CrewConsulting unterstützt diesen Prozess mit Beratung und Inhouse-Qualifizierung, damit Führung und Zusammenarbeit im Arbeitsalltag verlässlich ankommen.

Quelle: DGUV Barometer Bildungswelt 2026


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